Was der Biss der Habergoaß mit einem Krimi zu tun hat

Falls Sie sie noch nicht kennen – darf ich Ihnen die Habergoaß (Habergeiß) vorstellen?

 

Die Habergoaß ist eine Dämonengestalt, ein mythischer Naturgeist in Form einer Ziege.

In Österreich ist sie in verschiedenen Bräuchen fest verankert, so auch im Rauhnachtsbrauchtum.

Vielleicht sind sie ihr ja auch schon irgendwann begegnet. Aber sind Sie schon einmal von einer Habergoaß  gebissen worden?

Ich schon, als ich mich nämlich an einem nachtschwarzen Dezemberabend auf dem Heimweg zu meinem Hof unerwartet mitten in einer unheimlich-mystischen Szenerie wiederfinde: Es scheppert. Es brüllt. Es kreischt. Es kräht. Es flackert. Es trommelt. 

Lärmend stampfen skurrile Gestalten durcheinander und erschreckten die Zuschauer, die sich aus allen Richtungen herbeigekommen sind. Im flackernden Feuer von Fackeln bilden sie ein Bild, das einem die Gänsehaut über den Rücken treiben kann. Die Trommel schlägt die gruseligste von ihnen – der Tod.

Obwohl ich zu der Zeit schon länger hier in Viehhausen am Fuß des Untersbergs gelebt habe und insgesamt viele Rauhnachtsbräuche kenne, habe ich so etwas noch nie gesehen.

„Das ist die Wilde Jagd“, klärt mich unsere Nachbarin Cilli auf. Von ihr erfahre ich, dass ich richtig Glück hätte, diese ganz spezielle Form des Perchtenlaufs zu Gesicht zu bekommen. Das „Wilde Gjoad“ tauche zwar immer am zweiten Donnerstag im Dezember auf, aber immer unangekündigt und das ausschließlich in einer der Gemeinden am Fuß des Untersbergs. Welcher Ort das sei, werde streng geheim gehalten. Die Figuren stammten aus unterschiedlichen Perchtenlauf-Traditionen wie etwa der zottige gehörnte „Vorpercht“, die Habergoaß oder auch der Bärentreiber samt Bär, und aus den vielen Sagen rund um den Untersberg, wie der Riese Abfalter, das Moosweiberl oder der sagenumwobene Rabe, der einst den im Untersberg schlafenden Kaiser Karl zum Weltuntergang mit seinem Gekrächze wecken wird. 

Während sich die Figuren unter den dumpfen Trommelschlägen des Todes und zum Klang von einfachen Holzflöten zu einem rituellen Tanz formieren, lässt sich die freche Habergoaß einfach nicht bändigen. Und da trampelt sie auch schon auf mich zu und reißt ihr hölzernes Maul auf. Dass in dieser ganz speziellen Geiß offensichtlich zwei Männer stecken, kann ich in dem Moment nicht recht realisieren: Schon hat mich das Vieh in die Schulter gezwickt, und jetzt quietsche auch ich.

Ich lebe schon viele Jahre nicht mehr im Salzburger Land. Ich gebe es zu: in den langen Winternächten vermisse ich sie oft, die Mystik und die Grusel-Atmosphäre der Rauhnacht-Bräuche. Und während ich an die freche Habergoaß denke und die anderen Gestalten – immer genau zwölf an der Zahl wie die Anzahl der Rauhnächte – frage ich mich plötzlich, was passieren würde, wenn eine dreizehnte Figur beim Wilde-Jagd-Treiben auftaucht. 

Und die Idee zu einem Krimi ist geboren.